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03.11.2026 Newsroom

Das Ladengeschäft von morgen wird heute gestaltet: Herausforderungen und Prioritäten

Der stationäre Handel erfindet sich neu: zwischen Energieeffizienz, Kundennähe
und Digitalisierung.

supermarket of tomorrow

Artikel verfasst von Mohammed YOUBI IDRISSI, Technischer Leiter für die EMEA-Region bei Solstice Advanced Materials

Die großen europäischen Einzelhandelsketten stehen am Scheideweg. Nach Jahrzehnten des expansiven Wachstums sehen sie sich heute mit einer vierfachen Herausforderung konfrontiert:

Vor diesem Hintergrund ist die Transformation der Verkaufsstelle keine strategische Option mehr, sondern eine betriebliche Notwendigkeit.

Aufschlüsselung des Energieverbrauchs im Einzelhandel

Lebensmittelkühlung 55 %
Klimatisierung (HVAC) 15 %
Beleuchtung 15 %
Sonstige Verwendungszwecke 15 %

Kühlung und Klimatisierung machen bis zu 70 % des Energieverbrauchs in einem modernen Einzelhandelsgeschäft aus.

Das Ladengeschäft von 2036: drei Säulen des Wandels

01

Energieeffizienz

  • Kühlung mit niedrigem GWP
  • KI-gestützte vorausschauende Regelung
  • Solarstromerzeugung
  • Wärmerückgewinnung
  • Fahrzeugaufladung
02

Kundenerlebnis

  • Soziale Vernetzung
  • Lokaler Einzelhandel
  • Produktrückverfolgbarkeit
  • Ernährung und Gesundheit
  • Hybride Dienstleistungen
03

Leistung und Daten

  • IT und Gebäudemanagementsysteme
  • Optimierte Logistik
  • Nachhaltige Finanzierung
  • Umweltvorteile
  • Hybridmodelle

Wirtschaftliche Leistung und ökologischer Wandel verstärken sich gegenseitig.

Energie – der wichtigste Hebel für Wettbewerbsfähigkeit

Die Energiefrage steht im Mittelpunkt der Prioritäten. Allein die Kühlanlagen für Lebensmittel und die Klimaanlagen machen 50 bis 60 % der Energiekosten einer Verkaufsstelle aus. Der Übergang zu klimafreundlichen Kältemitteln, insbesondere zu ökoeffizienten Lösungen auf HFO-Basis, die vorausschauende Steuerung der Anlagen durch künstliche Intelligenz oder auch die Rückgewinnung von Abwärme zur Deckung des lokalen Wärmebedarfs sind allesamt verfügbare Hebel.

Allerdings erfolgt deren Umsetzung nach wie vor nicht einheitlich: Während bei neu errichteten Supermärkten diese Technologien bereits bei der Planung integriert werden, ist eine Umstellung von Bestandsanlagen mangels geeigneter Finanzierungsmodellen schwieriger. Um diese Hürde zu überwinden, erweisen sich Energieeffizenzverträge (CPE) und Drittfinanzierung als vielsprechende Lösungen.

Geschäftsmodelle im Umbruch

Die Modelle von morgen unterscheiden sich zwar in der Form, stimmen aber im Kern überein. Der allgemeine Hypermarkt verliert gegenüber gezielteren Formaten an Boden: Der optimierte Discounter überzeugt durch seine Preise, der Nachbarschaftsmarkt durch seine Bequemlichkeit und das Fachgeschäft durch seine Fachkompetenz. In dieser fragmentierten Landschaft setzt sich eine Konstante durch: Das stationäre Ladengeschäft muss das bieten, was der digitale Handel nicht leisten kann: menschliche Nähe und soziale Bindung, sinnliche Entdeckungen sowie persönliche Beratung.
Erfolgreich sind jene Handelsketten, denen es gelungen ist, ihren Daseinszweck über den reinen Handelsvorgang hinaus neu zu definieren und die Verkaufsstelle zu einem Ort des Lebens, des Services und des Erlebnisses zu machen.

Der Aufstieg des Nahversorgungshandels verdeutlicht diesen Trend. Lange Zeit zugunsten von Supermärkten am Stadtrand vernachlässigt, erlebt das Nachbarschaftsformat derzeit ein deutliches Wiederaufleben des Interesses, getragen von der Entwicklung urbaner Lebensweisen und dem Streben nach einem geringeren CO2-Fußabdruck.

Für die Einzelhändler bedeutet dies, die Logistik der „letzten Meile“ neu zu überdenken, das Sortiment entsprechend den Einzugsgebieten zu optimieren und neue Dienstleistungen wie Paketautomaten, Clickand- Collect und Hauszustellung in oft beengte Räumlichkeiten zu integrieren.

Auch die die Kälteanlagen-Architekturen entwickeln sich weiter!

Auch bei den Kälteanlagen findet derzeit eine echte Revolution statt: Das alte Modell, das auf zwei zentralen Anlagen (NK und TK) basierte, weicht neuen, dezentraleren oder halbverteilten Architekturen mit leistungsstarken Kältemitteln und sehr niedrigem GWP (z. B. R-455A), die Energieeinsparungen und betriebliche Ausfallsicherheit gewährleisten.

Zudem haben die Hitzewellen, die Europa im Sommer 2026 heimgesucht haben, gezeigt, dass bestimmte Anlagen darunter gelitten haben. Diese Beobachtung ist keineswegs nebensächlich, da diese Anlagen historisch gesehen höchstwahrscheinlich auf der Grundlage einer Auslegungsaußentemperatur von etwa 32 °C konzipiert wurden – ein Referenzwert, der aus einer Zeit stammt, in der bestimmte Regionen noch nicht mit Hitzespitzen von bis zu 42 °C rechnen mussten.

Das Ladengeschäft als Schöpfer von ökologischem Mehrwert

Über die Senkung des Verbrauchs hinaus ist das Ladengeschäft von morgen dazu berufen, ein positiver Akteur des ökologischen Wandels zu werden. Die Installation von Photovoltaikmodulen auf dem Dach, die Einrichtung von Ladestationen für Elektrofahrzeuge, das intelligente Management von Lebensmittelabfällen oder auch die Verwertung von Restbeständen:
All dies sind Maßnahmen, die die Verkaufsstelle in einen echten Knotenpunkt für nachhaltige Dienstleistungen in ihrer Region verwandeln.

Die Anforderungen der Bauordnung beschleunigen diesen Wandel. Sie schaffen aber auch eine Chance: Handelsketten, die diese Entwicklungen vorwegnehmen, positionieren sich positiv gegenüber Verbrauchern, denen Umweltverpflichtungen
wichtig sind, und stellen gleichzeitig ihre Einhaltung der Vorschriften zu geringeren Kosten sicher. Diese Vorreiter geben nicht aus Idealismus Geld aus. Sie sichern den Wert ihrer Vermögenswerte, bewahren deren Versicherbarkeit, schützen ihre Mitarbeiter und verteidigen ihr CO2-Engagement gegen Ausfälle, die das Klima oder ein geschwächtes Stromnetz jederzeit verursachen können.

Die anderen werden doppelt zahlen: einmal den Preis der Katastrophe, ein zweites Mal den Preis der Notfallanpassung, die immer teurer und weniger wirksam ist. Und dazwischen müssen auch die durch mangelnde Vorausschau verursachten Tonnenan CO₂ bezahlt werden.

Das Ladengeschäft als klimatischer Zufluchtsort

Das Ladengeschäft von morgen entwickelt sich weiter, passt sich an und verstärkt seine soziale Rolle. Wir nennen zwei Beispiele:

  1. Ende 2024, während der verheerenden Überschwemmungen, die die Region Valencia in Spanien heimsuchten, wurde das lokale Geschäft einer Fachhandelskette, das zehn Jahre zuvor mit erhöhten Lagerbeständen und vorbeugenden Maßnahmen errichtet worden war, innerhalb weniger Stunden zu einem Zufluchtsort. Hunderte von Kunden, Besuchern und Menschen, die im Einkaufsviertel festsaßen, wurden dort mehr als zwanzig Stunden lang aufgenommen. Die Filiale diente den Rettungskräften als Stützpunkt.
  2. Angesichts der zunehmenden Hitzewellen in ganz Frankreich kündigten mehrere Handelsketten im Juli 2026 die Einführung der Initiative „Escale Fraîcheur“ an. Jede an dieser Initiative teilnehmende Filiale oder jedes Einkaufszentrum passt die Betreuungsmaßnahmen entsprechend seiner Infrastruktur und logistischen Kapazitäten an. Je nach den Gegebenheiten der einzelnen Einrichtungen kann das Programm einen gekühlten oder klimatisierten Bereich, Sitzgelegenheiten, Zugang zu Trinkwasser sowie Unterstützung und Beratung durch das vor Ort anwesende Personal umfassen.

Daten und künstliche Intelligenz: die neuen Leistungsmotoren

Die Transformation der Verkaufsstelle ist auch eine Datenrevolution. Vernetzte Sensoren, Gebäudeleitsysteme (GLS) und Plattformen für prädiktive Analysen ermöglichen es nun, den Energieverbrauch in Echtzeit zu steuern, Ausfälle vorherzusehen, die Beschaffung zu optimieren und das Kundenerlebnis individuell anzupassen. Künstliche Intelligenz ist kein fernes Zukunftsszenario mehr: Sie kommt bereits in Logistiklagern, Einkaufszentralen und nach und nach auch in den Ladengeschäften selbst zum Einsatz.

Die eigentliche Frage betrifft nicht mehr die technischen Lösungen, die es bereits in vielfältiger Form gibt. Es geht vielmehr um das Tempo der Einführung und die Finanzierungsmodelle, die es allen Handelsketten – unabhängig von ihrer Größe oder ihrem digitalen Reifegrad – ermöglichen werden, wirtschaftliche Leistung und ökologischen Wandel nachhaltig in Einklang zu bringen.

Die Gewinner des nächsten Jahrzehnts werden diejenigen sein, die diese Herausforderung in einen Wettbewerbsvorteil verwandelt haben.